Sonntag, Januar 27, 2008

Menschenrecht auf Adoption?

Der Europäische Gerichtshof hat in einem Entscheid vom 22.1.08 das Recht auf Adoption eines Kindes als Menschenrecht bezeichnet, das auch einem lesbischen oder schwulen Elternpaar zustehe und ihm nicht verwehrt werden könne, Bericht NZZ online von heute 27.1.08.

Dazu drei kritische Ueberlegungen:

Erstens bestätigen sich nun die Befürchtungen, die 2005 von den Gegnern der gleichtgeschlechtlichen Ehe in der Schweiz vorgebracht wurden, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis solchen sogenannt registrierten Partnerschaften auch die Adoption von Kindern ermöglicht werden würde.

Zweitens bestätigt sich, dass im Rahmen der europäischen Zentralisierung zunehmend semi-demokratische bzw. sich ausserhalb der Schweizerischen demokratischen Institutionen befindliche Organisationen den Anspruch erheben, über wesentliche Regeln des Zusammenlebens in unserem Land entscheiden zu können. Dies widerspricht unserer Vorstellung von Demokratie im Kern. Ueber solch wichtige Fragen soll nicht fernab unseres Lebensmittelpunktes sondern in unserer Mitte entschieden werden. Nicht Eliten sondern wir und unsere Nachbarn sollen die für uns geltenden Regeln bestimmen.

Und drittens stellt sich eine wesentliche Frage inhaltlicher Art, nämlich, ob dieses postulierte Menschrecht auf Adoption eines Elternteils nicht auch mit den Rechten eines zu adoptierenden Kindes kollidiert, nämlich in der Frage, ob es nicht ein Anrecht auf Mutter und Vater hat, und zwar in biologischem Sinne?

Liegt da nicht eine wesentliche Einschränkung der Rechte der Kinder und eine Schmälerung ihres Wohls vor? Welches Kind würde nicht, hätte es die Wahl unter ansonsten gleichwertigen Alternativen, verschiedengeschlechtliche Eltern einem gleichgeschlechtlichen Elternpaar vorziehen?

Und wir fragen: wo bleiben die Stimmen, die ideologiefrei die Interessen der schwächsten Glieder unserer Gesellschaft, unserer Kinder wahren?!

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Photo: European Court of Human Rights in Strasbourg, taken by Kpalion in 2004

Kommentare:

bajaz hat gesagt…

1. Ist es ein Menschenrecht, seine homosexuelle Orientierung, oder seine homosexuellen Bedürfnisse frei leben zu können - genauso wie die Heterosexualität!
Und da spielt es wohl eine Rolle, dass die EU ihren Mitgliederländern dies nicht nur empfiehlt, sondern sie rechtlich auch dazu verpflichtet.
3. War ich schon immer gegen Adoptionen, weil es einen falschen Eigentumsanspruch symbolisiert. Kinder müssen IMMER irgendeinmal wieder hergegeben werden, sonst macht Erziehung letztlich keinen Sinn! Ein Pflegeverhältnis genügt völlig.
3. Ist es interessant, dass in Berlin früher vor allem HIV-positive und AIDS-kranke Kinder erstmal an Schwule adoptiert wurden oder in Pflege gegeben!
4. Sind die Heterosexuellen nachweislich unwillig und unfähig, homosexuell orientierte Kinder zu fähigen Menschen zu erziehen - mit wenigen Ausnahmen. Damit bestätigen sie indirekt dann nachher auch ihre eigenen Vorurteile dieser Orientierung gegenüber!
5. Ist es nachweislich, dass sehr viele homosexuelle Sozialpädagogen und Lehrer die heterosexuellen Kinder zur Lebensfähigkeit erziehen.
6. Hätte bürgerliche Familien-Erziehung allein genauso katastrophale Folgen wie in den meisten patriarchalen Ländern, wenn wir nicht öffentlich geleitete Kindergärten und Schulen hätten, die die Kinder der alleinigen Verfügungsgewalt ihrer Eltern entziehen.
7. Haben schon so viele Kinder innerhalb ihrer Familien oder durch ihre Eltern direkt ihr Leben verloren, dass es fast kriminell wird, dahinein geboren zu werden.
8. Können Kinder niemals ihre Eltern wählen! Auch homosexuelle nicht! Sie können auch nichts ausrichten, wenn sie ledige, alleinerziehende oder geschiedene Eltern haben.
An der letzten Nichten- und Neffenkonferenz in unserer Verwandtschaft haben alle unisono festgestellt, dass unsere jeweiligen Eltern eigentlich gar nicht hätten heiraten sollen/dürfen. (Urteil der Nachgeborenen!)
Selbstverständlich darf das Recht auf Adoption genauso wenig eingeschränkt werden, wie das Recht auf Fortpflanzung, egal welche Hautfarbe, welcher Aufenthaltsstatus, oder welche Lebensweise (Übrigens durch die CH-Verfassung garantiert).
Peter Thommen, Buchhändler und Schwulenaktivist, Basel

Lips hat gesagt…

Der Kommentar von bajaz bedarf einer Replik, da ein Teil seiner Ueberlegungen zwar korrekt, als Argument jedoch nicht stichhaltig sind:
ad 1: Natürlich soll ein homosexuell orientierter Mensch seine Bedürfnisse frei leben können (das wird ja nicht in Frage gestellt) - solange sie nicht kollidieren mit Bedürfnissen anderer Menschen, die noch wichtiger sind.
ad 2: Adoption symbolisiert nicht einen missbräuchlichen Eigentumsanspruch sondern mit dem 'Kindeseigentum' sind für die Eltern sowohl Rechte wie Pflichten verbunden. Die Adoption ist Ausdruck einer maximal möglichen vertraglichen Bindung und bringt beiden Seiten die Voraussetzung für sichere Beziehungen.
ad 3: Ob das stimmt, wissen wir nicht. Wenn das so ist, kann das verschiedene Gründe haben. Wir vermuten, dass bajaz damit illustrieren will, dass homosexuelle Eltern durchaus sogar fürsorglicher und selbstloser sein können als heterosexuelle. Dazu ist zu sagen, dass das niemand in Abrede stellt, dass es in der Adoptionsdiskussion aber nicht um die Frage persönlicher charakterlicher Qualitäten sondern um geschlechtliche Identität geht.
ad 4: Homosexuelle Kinder: Ob diese besser durch ein homo- oder heterosexuelles Paar aufgezogen werden, kann man diskutieren. Die Antwort darauf wird entscheidend beeinflusst von der kausalen Konzeption, die man von Homosexualität hat: handelt es sich um eine vererbte, durch die Lebensgeschichte unbeeinflusste Disposition oder spielen Erfahrungen wie Erziehung und Vorbilder eine wesentliche Rolle bei der Ausbildung der sexuellen Orientierung? - Wir sind der Ansicht, dass die sexuelle Orientierung weder komplett bei Geburt vorgegeben noch völlig durch Erfahrungen geprägt wird, sondern dass es sich um ein Gemisch beider Faktoren handelt. So lässt sich z.B. am besten erklären, dass es immer wieder vorkommt, das Heterosexuelle heiraten und Kinder zeugen und erst später "entdecken", dass sie schwul/lesbisch sind. Homo- und Heterosexualität haben eben whs. fliessende Uebergänge. Damit werden Rollenbilder für den Teil der Bevölkerung, der "vulnerabel", d.h. nicht von vornherein klar als heterosexuell oder schwul festgelegt ist, entscheidend und es ist nicht belanglos, in welchem Milieu diese Personen aufwachsen oder sich später bewegen.
ad 5: Unter homosexuellen Pädagogen gibt es sicher zahlreiche begabte und fähige Leute. Allerdings ist auch hier festzuhalten, dass die sexuelle Orientierung in der Erziehung nicht ohne Auswirkungen und damit belanglos sein kann - gerade Homosexuelle würden bei Behaupten des Gegenteils doch vehement widersprechen, oder nicht?
ad 6: Es ist ein altes Thema der Linken, dass die Familie ein Uebel sei und am besten alle Kinder vom Staat bzw. vom Kollektiv grossgezogen werden sollten. Das Thema sprengt die Diskussion hier, aber wir sind dezidiert anderer Ansicht. Kein anderer Rahmen bietet eine vergleichbare Kombination von Sicherheit, Verbindlichkeit und Liebe, ohne die der Mensch nicht gedeihen kann. Das Kollektiv ist nie auf die gleiche Weise in der Lage, auf individuelle Bedürfnisse einzugehen, und gerade z.B. homosexuelle Kinder oder Jugendliche werden durch ein Kollektiv in den meisten Fällen sicher schlechter behandelt als durch einzelne, verständnisvolle und ihnen liebevoll zugewandte Bezugspersonen, die auch morgen noch da sind.
ad 7: Ganz klar: es gibt gute und schlechte Eltern, das steht ausser Frage. Aber es hat als Argument nichts mit dieser Diskussion hier zu tun.
ad 8: Kinder können ihre Eltern tatsächlich nicht wählen. Aber lässt man deshalb z.B. abgewrackte Alkoholiker als Adoptiveltern zu? - Nein, denn wenn man schon am Wählen ist, will man optimale Voraussetzungen. Analog dazu muss man sich eben fragen, ob gleichgeschlechtliche Eltern nicht von vornherein eine Einschränkung dieses Optimums darstellen, die eine Mehrheit der Kinder, würde man sie fragen, und überblickten sie alle Konsequenzen ihrer Wahl, ganz klar ablehnten.

Und zuletzt: das letzte Argument von bajaz ist fast das interessanteste, nämlich die Erwähnung der Analogie zum Recht auf Fortpflanzung. Dieses Recht haben nämlich Homosexuelle eben nicht - aus biologischen Gründen. Sie haben die Möglichkeit schon gar nicht. Jemand, der sich fortpflanzen könnte, kann auch das Recht dazu haben. Jemand, der sich nicht fortpflanzen könnte, was soll denn da noch das Recht dazu? Das wäre absurd. Damit ist noch nichts über das Recht zur Adoption entschieden, aber die Argumentation ist falsch.